Mein erstes SEEHASENFEST 1949
Von Rosemarie Ferme
Damals war ich in der 7. Klasse der Pestalozzi - Schule in Friedrichshafen. Unser damaliger Klassenlehrer erzählte uns im April 1949, dass es im Sommer ein großes Kinderfest geben wird - das Seehasenfest.
Jedes Schulkind darf an dem großen Festumzug, der durch die Stadt führt, teilnehmen. Die Mädchen sollten, wenn möglich, ein Kleid anziehen. Wir haben uns sehr darauf gefreut, und konnten es kaum erwarten, bis es soweit war. Ein Fest bei uns, mit Rummelplatz und Musik! Das war ja so aufregend.
Drei Wochen vor dem Seehasenfest kam ein Paket aus den USA von meiner Tante. Im diesem Paket war ein wunderschönes langes rosarotes Tüllkleidchen mit Puffärmeln, ich kann mich noch ganz genau daran erinnern und ich wusste dieses Kleidchen werde ich auf dem großen Festumzug tragen!
Nun war es soweit, das erste Seehasenfest 1949 für uns Kinder!
Zum ersten Mal sahen wir einen Rummelplatz, der damals auf dem Schulhof der Pestalozzi-Schule war. Natürlich war der nicht so groß wie heute, aber für uns "Kriegskinder" war das sehr aufregend und eine große Sensation. Das Kettenkarussell, das Kinderkarussell mit den Pferdchen und den Autos und die Schiffschaukel, die jedes mal beim Bremsen so merkwürdig nach verbranntem Gummi und Holz roch, und eine Wurfbude gab es damals auch schon. Für 20 Pfennige konnte man damals Karussell fahren. Bei den Eltern habe ich um ein paar Pfennige gebettelt, damit ich auch Karussell fahren konnte. Wochen zuvor habe ich Rabattmarken gesammelt, für die man wiederum ein paar Pfennige bekam, die ich mir dann eisern zusammensparte, damit ich zum Fest auch Geld hatte.
Das Bierzelt stand zu dieser Zeit auch auf dem Schulhof der Pestalozzi-Schule, dort spielte eine Blaskapelle. Die "Halbe" Bier, damals gab es noch keine "Maß" kostete 1,50 DM.
In diesem Sommer 1949 war es sehr heiß. Und ich weiß noch genau, wie wir Schulkinder uns bei der Pestalozzi - Schule an diesem Sonntag versammelten und uns für den großen Festumzug aufreihten. In Reih und Glied standen wir da, die Mädchen mit ihren Kleidchen und Blumen in den Haaren, die Jungens mit kurzen Hosen und weißen Hemden. Alles war sehr festlich. Jeder hatte seine schönsten Sonntagskleider an, und ich war ganz stolz auf mein "amerikanisches" Tüllkleidchen.
Nun war es soweit, der große Festumzug konnte beginnen, vorne weg lief der ,,Seehase", dann kam immer wieder ein Blumenwagen und dazwischen wir Schulkinder und natürlich die Musik.
Da liefen wir stolz und winkten den Zuschauern zu, ich glaubte damals, dass die ganze Stadt sich den Umzug ansah, vielleicht war es auch so.
Von der Charlottenstraße aus durchquerten wir die Eugenstraße, hinauf zur Werastraße, von dort liefen wir die Friedrichstraße hinunter in die Karlstraße. Stolz winkten wir, und die Menschen waren alle glücklich, endlich gab‘ es mal wieder etwas zu feiern und das Elend nach dem Krieg war für diese Zeit vergessen. Von der Friedrichstraße bogen wir in die Karlstraße, wo sich auch alles versammelt hatte, am Hafen vorbei wieder ein Stück die Karlstraße hinauf, dann bogen wir rechts ein, am jetzigen ,,Tiffany" vorbei, durch die Eisenbahnbrücke und durch die Löwenunterführung wieder Richtung Pestalozzi -Schule. Wie sie alle strahlten, nicht nur die Kinder auch die Erwachsenen schienen sichtlich glücklich zu sein.
Damals haben die Herren vom Festausschuss in ihren Blumenwagen den Zuschauern händevoll Bonbons zugeworfen.
Wieder an der Pestalozzi - Schule angekommen, durften wir noch durch den Rummelplatz schlendern, zum ersten Mal bin ich Kettenkarussell gefahren und danach war es mir so schlecht, aber das hat mich nicht davon abgehalten, mit der Schiffschaukel zu fahren. Das war doch alles ganz neu für uns, und vor allem wir Kinder hatten damals so viel Spaß gehabt und waren so glücklich. Später mussten wir dann alle nach Hause gehen, damit die Erwachsenen auch noch ausgelassen feiern konnten.
So habe ich das erste Seehasenfest 1949 in Erinnerung. Und ich muss sagen, für mich war das eines der schönsten Erlebnisse in meiner Kindheit, endlich mal feiern und keine Angst zu haben, vor Bombenangriffen und sehen dass man schnell in den Bunker kommt.
Heute feiere ich mit meinen Kindern und Enkelkindern Seehasenfest. Hätte ich das damals gedacht!