Das Märchen vom Seehasen
Von Elisabeth Roth
Ganz früher war das Dorf Buchhorn, heute die Stadt Friedrichshafen, 1000mal kleiner als heute. Auch die Häuser waren kleiner und bunt angemalt. Die kleinen farbigen Häuser standen in Gärten, in denen große, hohe Bäume und Hecken für die vielen Vögel standen, die dort ihre Nester hatten. Das unermüdliche Jubilieren und Zwitschern und Singen der vielen Vogelarten war ein herrliches, wundervolles Konzert vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Um die Häuser waren Rasenflächen, die wiederum von duftenden Rosen- und anderen Blumenbeeten eingefaßt wurden. Das Auge des Betrachters bekam ein Bild, als ob unzählige, bunte Blumensträuße auf einmal blühen.
Das Haus des Bürgermeisters stand an der Grenze der Stadt, dort wo ein mächtiger Wald beginnt. Zufrieden spielten an einem Sonntagnachmittag seine und die Nachbarskinder in dem schönen Garten, wo in einer Ecke viel Sand aufgeschüttet war zum Burgenbauen und Sandkuchenbacken usw. Aber, was sah der kleine Benjamin und die anderen Kinder — Adele, Cäcilie, Dorle, Erich, Fritz und Gustav — von ihrer Spielecke aus? Einen hellbraunen, großen Hasen mit hochstehenden langen Ohren im Blumenbeet sitzen. Der Hase mit dem schönen weißen Brustlatz saß auf den Hinterbeinen und lachte alle die sieben erstaunten Kinder an. Gustav war das älteste von den Kindern, er reagierte schnell und sagte: ,,O seht, seht, der richtige Osterhase sitzt in unserem Blumenbeet, genau wie im Bilderbuch — schnell, wir fangen ihn, denn der lebendige Osterhase soll Glück bringen!"
Die Spielgeräte für das Burgenbauen fielen allesamt aus den Kinderhänden in den Sand. Dafür sprangen 14 Kinderbeine in Richtung Blumenbeet, wo dieser schöne, große Osterhase saß. Aber der Hase machte vor Schreck einen Satz über den weißen Gartenzaun und wollte der kleinen wilden Bande entkommen. Die Kinder jagten dem Hasen hinterher über viele Zäune, Hecken, Ecken, Gassen und Straßen bis zum Bodensee. Es gab kein Entkommen mehr. Der erschöpfte, arme Hase stürzte in seiner Aufregung in den großen, kalten See.
Die sieben Kinder waren durch die Rennerei über Zäune, Hecken, Ecken, Gassen und Straßen atemlos, als sie am Bodensee ankamen und dort den im Wasser verzweifelt zappelnden Hasen sahen. Adele konnte ihm aber zurufen: ,,Lieber Hase, halte dich über Wasser, wir helfen dir." Cäcilie darauf: ,,Schlage mit deinen Vorderpfoten fest, fest auf das Wasser, dann gehst du nicht unter." Dorle dazu: ,,Schau, die Buben machen ein Boot los, um dich zu holen.‘ Ängstlich schaute der Hase, indem er mit den Vorderpfoten mit den kalten Wellen kämpfte, auf das herannahende Boot, denn Hasen können bekanntlich nicht schwimmen. Erich und Fritz ruderten auf die Stelle zu, wo der fast ertrinkende Hase war. Gustav steckte in aller Eile den kleinen Benjamin in den Rettungsring und schubste ihn in das kalte Wasser, gerade auf den Hasen zu. Benjamin zog das nasse Tier an den Vorderläufen zu sich in den Rettungsring, der mit einer Leine zum Boot gezogen wurde. Die Buben, Erich und Fritz halfen den beiden Bodenseenassen, Hase und Benjamin, in das trockene Boot.
Aus dem lachenden Osterhasen wurde ein weinender Seehase. Tropfnaß kam Benjamin mit dem triefendnassen Hasen in Begleitung von Adele, Cäcilie, Dorle, Erich, Fritz und Gustav in das Haus des Bürgermeisters. Welch ein Schreck bei Vater und Mutter, als die Kinder allesamt in großer Aufregung mit dem patschnassen Tier und dem patschnassen Benjamin ins Haus fielen. Der Hase und Benjamin wurden zusammen in ein heißes Bad gesteckt und anschließend trockenfrottiert. Benjamin wurde frisch und warm angezogen. Der Hase freute sich über das warme Jäckchen von Dorle, das ihm bis zu den Hinterhasenpfoten reichte und wie ein Hasenmäntelchen aussah.
In der Zwischenzeit deckten die anderen Kinder den Tisch für süßen Tee und Brezeln und Honigbrot. Für den Hasen waren die Köstlichkeiten auf dem Tisch der Menschen neu, aber lecker, lecker. Aus Dankbarkeit und auch aus großer Freude über seine Bekanntschaft mit den Kindern spielte der Hase mit allen Purzelbaumschlagen, Ringelreihen, Herumtoben im ganzen Haus. Das heitere und lustige Spiel der sieben Kinder mit dem glücklichen Hasen — gerettet aus großer Seenot — dauerte den ganzen Nachmittag, bis alle müde wurden. Der Hase durfte mit in das Kinderbett zu Benjamin. Beide schliefen Arm in Arm zufrieden und glücklich ein.
Als die Sonne am andern Morgen sachte und leise aufwachte und den Bodensee in silbernes Blau verwandelte, wachten auch die Vöglein auf. Diese sangen ihr Morgenlied in die noch verschlafene Welt. Aber wer wachte dann noch auf? Der Seehase im Arm von Benjamin. Der Hase sagte dem schlafenden, kleinen Benjamin kaum hörbar ins Ohr: ,,Danke, danke für alles — es war so schön bei euch Kindern und euren lieben Eltern — ich komme wieder, um mich mit euch zu freuen. Mit allen Kindern, die hier wohnen, möchte ich am Tisch sitzen zum Trinken und Essen, und wir werden tanzen, froh und fröhlich sein."
Ja, wer den Osterhasen—jetzt Seehasen—im Arm hält, hat Glück. Als Benjamin aufwachte, gab es jedoch Tränen. Das Häslein war durch das offene Fenster in den großen Wald, wo seine Heimat ist, verschwunden.
Anmerkung:
Vorstehendes Märchen ist W a h r h e i t geworden für die Einwohner der Stadt Friedrichshafen, vor allem für ihre Kinder nach dem letzten Krieg. Als Lichtblick einer völlig zerbombten Stadt kam der dankbare Hase zwar nicht aus dem Wald zurück, sondern mit einem Schiff über den Bodensee. Seither wird dieser Seehase einmal im Jahr mit großem Jubel und mit Musik empfangen, wenn sein Schiff in den Hafen von Friedrichshafen einläuft. Der Hase hat Wort gehalten. Er freut sich mit den Kindern und feiert mit ihnen sowie allen Menschen von Friedrichshafen und Umgebung einige Tage lang ein Jubelfest. Daraus ist das sogenannte Seehasenfest entstanden, das einer der Höhepunkte im Jahresablauf dieser Stadt ist. Wo auf der ganzen Welt gibt es etwas ähnliches, was diesem Fest an Fröhlichkeit und Zufriedenheit gleichkommt