Der Topolino, Weißmehl und das Seehasenfest
Quelle: Schwäbische Zeitung
Eine abenteuerliche Bettelfahrt auf "gepumpten" Reifen
Wurst und Wecken für die Seehasenkinder — was heute allenfalls zwei Anrufe erfordert, einen beim Metzger, den anderen beim Bäcker, bedeutete 1949 ein hartes Stück Arbeit und beträchtliches Organisationsgeschick; Pia Diemer aus dem Häfler Amselweg, ihr damaliger Name war Pia Zettler, weiß davon eine Geschichte zu erzählen:
"Für das erste Seehasenfest erhielt ich den Auftrag von der zuständigen Stelle, fünf Tonnen Weißmehl für das Seehasenfest zu beschaffen.
Mit meinem ‚Topolino‘ wollte ich den Auftrag schnellstens erledigen. Mein kleines Fahrzeug bestand aus verschiedenen Ersatzteilen. Meine Autoreifen waren porös und abgefahren. Ein Bezugschein war fast wertlos. Es gab keine solche Reifen, kaum Flickzeug. Dennoch suchte ich nach einer Möglichkeit, diesen Schaden zu beheben. In meiner Straße wohnte ein Mann, dessen Geschicklichkeit mir bekannt war. Dieser Famllienvater half mir, meine fixe Idee entsprechend zu verwirklichen. Die Reifen wurden mit einem Gummistück unterlegt und danach zusammengenagelt.
Meine Fahrt begann. Mitten in der Stadt erschreckte ich am Steuer vom fürchterlichen Knall der Reifen. Ohne Reifenluft fuhr ich langsam mit großem Gepolter und Gestampfe zurück in die Garage. Der gefällige Mann half mir wieder. Die Reifen erhielten neue gebrauchte Gummistücke. Die Schläuche wurden geflickt. Dann wurde zum Schluß die Befestigung zusammengenagelt. Meine zweite Fahrt endete in der Eugenstraße. Erschrockene Passanten riefen: ,Ist alles kaputt?‘ Sie standen um mich herum und halfen mir, den Wagen in die umgekehrte Richtung zu stellen. Ohne Luft in den Reifen fuhr ich wieder zurück in die Garage. Das Auto blieb ohne weitere Reifenbehandlung diesmal stehen.
Aus der Schweiz kam Besuch und ich erzählte von meinem großen Kummer. Die guten, hilfsbereiten Bekannten halfen schnellstens. Vier Reifen mit Zubehör kamen auf Pump ins Haus. Meine Freude war groß, konnte ich doch den angenommenen Auftrag noch erfüllen. Später wurde die Schweizer Rechnung beglichen.
Der Wagen lief und lief. Von Groß- und Kleinmühlen erhielt ich nicht die erforderlichen Mengen Mehl. Ich fuhr in das Gebiet Wangen, Richtung Bad Wurzach. Dort, in einer Gemeinde, hatte ich einen Onkel Er war dort Bürgermeister. Ich trug ihm mein Anliegen vor. Stillschweigend ließ man mein Tun gewähren. Ich kaufte bei den Bauern gegen beste Bezahlung für das erste Seehasenfest Getreide auf. Nach Tagen erhielt mein Onkel vom Landratsamt Wangen Nachricht, daß ein Getreideverkauf an andere Gebiete nicht erfolgen dürfe. Eine Zuwiderhandlung würde bestraft. Bei Nacht und Nebel wurde das gekaufte Getreide abgeholt. Und alle Seehasenkinder erhielten Wecken und Wurst.