Das große Chaos!
Von Harald Leber
Das müssen Sie sich anschauen. Gehen Sie doch einmal am Seehasensonntag an den Hof der Pestalozzischule. Eine Stunde vor Beginn des Umzuges werden Sie von argen Zweifeln befallen, ob aus diesem Ameisenhaufen je ein geordneter Festzug werden kann!
Es beginnt damit, dass die Polizei so gegen Mittag die Allmand- und die Wendelgardstraße absperrt und manche Eltern nur mit Mühe davon abhalten kann, ihren buntgekleideten Sprößlingen auch noch den letzten Schritt im Schulhof zu ersparen. Mutter und Tochter oder Sohn stürzen ins Schulhaus, als ob schon alles zu spät wäre und suchen verzweifelt das für sie vorgesehene Klassenzimmer. Die Räume sind zwar alle beschriftet, aber mancher macht sich nicht die Mühe, die Schilder auch zu lesen. Meistens ist der gesuchte Platz auch noch am anderen Ende des großen Schulgebäudes. Ist das Zimmer gefunden, dann geht es los: da wird ausgezogen, umgezogen, angezogen, werden Haare gekämmt und Schleifen geknüpft, Hüte zurechtgerückt, Blumen angesteckt, Verzweiflungsschreie ausgestoßen und zum x-ten Mal letzte Ermahnungen gegeben.
Und dann geht es hinaus: aber nur wenn schönes Wetter ist. Sollte es vielleicht tröpfeln, was ja auch schon vorgekommen ist, gibt es fast kein Durchkommen mehr, denn dann drückt sich alles in den Gängen herum. Wenn sich da so eine Blumenkind oder ein Märchenprinz an der Hand des Vaters oder der Mutter durch die Menge zwängt, sitzt am Ausgang bestimmt das Käppchen schief oder die Schleifen sind wieder aufgegangen.
Draußen ist erst recht ein riesiges Durcheinander. Von allen Seiten strömen Menschen herbei, vor allem Kinder, Kinder, Kinder, über dreitausend. Aber auch die Mitglieder von fast zwanzig Musikkapellen, Orchestern und Fanfarenzügen mischen sich darunter und suchen ihren Stellplatz oder den Dirigenten oder auch umgekehrt - ein buntes Gewimmel. Und fast ein wenig verloren dazwischen die verantwortlichen Lehrerinnen und Lehrer, die auch schon aufgeregt werden, weil ihre Gruppe noch nicht vollzählig ist. In den Seitenstraße sind inzwischen auch die Festwagen abgestellt; noch ganz ohne Kinder wirken sie etwas leblos und fast fehl am Platz.
Noch viel unübersichtlicher wird es, wenn die Sonne besonders heiß vom Himmel brennt. Jeder will ein schattiges Plätzchen unter den großen Kastanienbäumen oder den Überdachungen erhaschen. Und dann nützt der beste Aufstellungsplan nichts mehr, wenn Sie jemand fragt, ob Sie wüßten, wo die Hofdamen stehen oder sich die Irisblüten sammeln.
Die Geräuschkulisse wird auch immer stärker. Kinder schreien, Eltern rufen, Musikanten spielen ihre Instrumente ein; wie soll das alles enden?
Aber siehe da — mit der Zeit bilden sich gleichgewandete Gruppen, Musikkapellen stellen sich auf und in der Marienstraße formieren sich der Seehasen-Fanfarenzug, die Bürgergarde zu Fuß und zu Pferd und das Stadtorchester als Spitze des Umzuges.
Und pünktlich geht es los: die Wagen reihen sich ein, die unterschiedlichsten Gruppen finden dazwischen ihren Platz, jedes Orchester ist da, wo es hingehört; alles nach Plan; ein kleines Wunder ist geschehen. Die Verantwortlichen atmen erleichtert auf:
Gut gegangen - es hätte ja auch noch ein Platzregen dazukommen können!